Fragwürdige Recherche

Dass Journalismus in vielen Fällen nicht nur der Wahrheit, sondern viel mehr den Einschalt- bzw. Kaufquoten verpflichtet ist, sollte jedem klar sein. Da werden nach Lust und Laune Tatsachen verdreht, Lügen verbreitet und Meinungsmache betrieben. Dass sich jedoch mit dem Aufkommen des Internet eine Art Fast Food-Journalismus entwickelt bzw. weiterentwickelt hat, war mir bis vor einigen Monaten neu.

Das Internet macht es heutzutage sensationell leicht, an beinahe jede erdenkliche Information zu kommen. Zu jedem Thema gibt es irgendeine Internetseite, einen Blogeintrag oder eine kurze Nachricht in einer der zahlreichen Webzeitungen. Ob diese Quellen jedoch immer vertrauenswürdig sind, ist eine Frage, die sich anscheinend viele Journalisten nicht mehr stellen. Es werden vermeintliche Fakten ohne weitere Recherche übernommen und Interviewpartner aus dem Internet gecasted. Just diese Praxis hat das „Kommando Tito von Hardenberg“ mit einer humorvollen Aktion hinterfragt. Beide Interviewpartner im Polylux-Beitrag „Volksdroge Speed“ wurden aus dem Internet mittels einer offenen Anfrage in den einschlägigen Internetcommunities gecasted. Da wird also polemisch gesagt eine Story zusammengeschustert, z.B. über einen total kaputten Drogensüchtigen, der das Zeug nimmt, weil er mit dem Leistungsdruck seiner Uni nicht mehr zurechtkommt und danach wird in einem Forum nach jemandem gesucht, auf den diese Story passt (Im Zweifelsfall kann man die Tatsachen ja auch etwas zurechtbiegen.). Über diese Anfrage wurde also der vermeintliche Speeduser „Tim“ eingeschleust, der tatsächlich Gelegenheitsschauspieler ist und die Reporter nach Strich und Faden an der Nase herumführte.
Gerade vor dem Hintergrund dieser Aktion sollte man mittlerweile wissen, dass diese Art zu recherchieren nicht nur zutiefst unseriös ist, sondern man auch noch sehr leicht Betrügern oder „Öffentlichkeitsgeilen“ auf den Leim geht. Heutzutage ist es eins der höchsten Ideale, mal in der Zeitung oder sogar im Fernsehen gewesen zu sein. Kein Wunder, dass man da schnell einmal einen alles andere als authentischen Interviewpartner erwischt.
Das scheint allerdings das „ZEITmagazin LEBEN“ bzw. dessen Reporter Chris Köver nicht zu interessieren. Vor kurzem schrieb er überflüssigerweise mehrmals folgende Anfrage in ein Forum mit dem Schwerpunkt Tätowierungen:

Hallo.

Das ZEITmagazin plant ein Heft zum Thema „Große Gefühle“. Dafür suchen wir jemanden, der den Namen einer ehemaligen großen Liebe (er oder sie) auf dem Leib trägt und bereit ist, darüber ein bisschen zu erzählen. Wichtig ist, dass er oder sie nicht mehr mit dem im Tattoo verewigten zusammen ist, das Tattoo aber noch weiterhin trägt.

Falls ihr jemanden kennt oder selbst eure Geschichte erzählen wollt, meldet euch schnell bei mir. Würde mich sehr freuen.

Chris Köver
ZEITmagazin
fon. (030) 59 00 48 676
fax. (030) 59 00 00 39
mail. koever@zeit.de

Nur um das nochmal in Worte zu fassen… Da denkt sich also Chris Köver eine Geschichte aus, namentlich die Geschichte von der großen Liebe. Ein Partner hat sich den Namen des Objekts seiner emotionalen, respektive körperlichen Begierde auf irgendeine Stelle am Körper tätowieren lassen, aber tragischerweise ist diese Liebe nun verflossen. Und nachdem Chris sich diese Geschichte ausgedacht hat, sucht er im Internet einfach nach Leuten, auf die sie irgendwie passt.
Journalismus funktioniert eigentlich umgekehrt. Man wird auf eine Geschichte aufmerksam, die man daraufhin untersucht und so objektiv wie möglich darstellt. Stattdessen werden hier Storys erfunden und der Interviewpartner, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nie diese Geschichte erlebt hat, ist nur eine schlechte Ausrede.
Aber was soll man von einem Magazin, das sich darauf spezialisiert hat, die Lebensgeschichten von etlichen Leuten auszuschlachten und in ein leicht verdauliches Format für den schnellen Konsum in der Mittagspause zu pressen auch anderes erwarten?

~ von eckenundkanten am Mai 6, 2008.

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